Live-Berichte
im Internet: Mut
zum Experiment!

Die technischen Möglichkeiten sind da, Anlässe gibt es genug, doch viele deutsche Medien sträuben sich scheinbar immer noch, Werkzeuge wie Twitter als Kanal für die Live-Berichterstattung zu nutzen. Das ZDF wagt den Schritt – endlich.

Twitter ist für viele Redaktionen immer noch nur ein Weg, um auf ihre Online-Artikel aufmerksam zu machen. Die wenigsten haben den Dienst als Kommunikationskanal verstanden. Hauptsächlich wird der eigene Content gestreut, fremde Links kommen den meisten Redaktionen nicht in den Stream.

Live-Berichte aus Haiti

Als einer der ersten mir bekannten Journalisten nahm der BILD-Reporter Daniel Böcking die Herausforderung an. Er flog nach dem Haiti-Katastrophe in das Land und berichtete in Echtzeit von seiner Reise. Auch von der Rettung der chilenischen Bergleute twitterte er live. Doch war mir nie ganz klar, ob diese Pionierleistung aus Privatinteresse erfolgte oder ob dies im Auftrag seiner Redaktion geschah.

ZDF: Live-Berichte vom Castor-Transport

Ganz offiziell hat das ZDF dagegen am Wochenende einen neuen Twitterkanal eröffnet. Unter https://twitter.com/ReporterZDF schreibt derzeit ein Team von Reportern der Hannoveraner Redaktion, der Online-Redaktion und aus der aktuellen Nachrichten-Schiene über die Ereignisse rund um den Castor-Transport. Der Kanal scheint Teil einer größeren Strategie zu sein. „Live-Berichte von ZDF-Reportern vor Ort“ heißt es in der Selbstbeschreibung. Es ist also in Zukunft noch mehr zu erwarten.

Der Elfenbeinturm bekommt Risse

Überhaupt ist das ZDF in Sachen Social Web in meinen Augen vorbildlich. Der offizielle Kanal des Senders ist ein Paradebeispiel für erfolgreiche Zuschauerbindung. Seit dem 15. August twittert ZDF-Korrespondent Stephan Hallmann aus Pakistan und fordert seine Follower auch schon mal dazu auf, weitere Fragen zum Land an ihn zu stellen. (Dass er nur sechs Twitterern folgt und ergo Twitter nicht wirklich zu nutzen scheint, sei ihm vorerst vergeben. Vielleicht kommt das ja noch.) Der Elfenbeinturm, in dem sich viele Redaktionen immer noch verschanzen, bekommt erste Risse.

Angst und Unkenntnis

Dass sich in Sachen Social Web in deutschen Redaktionen bislang so wenig tut hat vermutlich mehrere Gründe. Zum einen pure Ignoranz, was ein gepflegter Twitter-Kanal der Redaktion bringen soll. Mit Twitter verdient man kein Geld, es macht nur mehr Arbeit und lenkt von der eigentlichen Tätigkeit ab – so scheinen es viele zu sehen. Warum also noch einen Kanal bedienen? Und außerdem: Wofür hat man denn einen Live-Ticker?

Dabei wird jedoch vergessen, dass auf lange Sicht so die Reputation der Redaktion enorm gewinnt. Leser, Zuhörer und Zuschauer bekommen vermittelt, dass „ihr“ Medium tatsächlich vor Ort ist, sich selber ein Bild der Lage macht und nicht nur im warmen Büro Agentumeldungen umschreibt und diese als „Live-Ticker“ verkauft. Der Gewinn für die Glaubwürdigkeit kann in meinen Augen enorm sein.

Zur Ignoranz kommt wahrscheinlich die Angst vor der eigenen Fehlbarkeit. Was, wenn im Eifer des Gefechts eine Falschmeldung rausgeht? Richtet man dann nicht mehr Schaden für die eigene Glaubwürdigkeit an, als es nützt?

Aber: Gerüchte bahnen sich eh ihren Weg durchs Netz. Besser eine seriöse Redaktion greift sie auf, kennzeichnet sie als solche und bemüht sich so schnell wie möglich um Klärung, als sie zu ignorieren. Das wäre journalistisches Handwerk in Reinform.

Mehr Mut zum Experiment!

Ich würde mir wünschen, mehr Redaktionen hätten den Mut, mit neuen Werkzeugen zu experimentieren, die frei verfügbar durchs Internet schwirren. Eine Live-Schalte per QIK, Ustream oder kyte vom Ort des Geschehens wäre ein echtes Novum.

Auch Redaktionen, die einen Einblick in die Enstehung von Geschichten und Reportagen geben und ihr Publikum sogar zum Interagieren auffordern (wie es „Die Frage“ auf on3 macht), sind noch eine echte Rarität. Der deutsche Journalismus verpasst in meinen Augen gerade eine echte Chance, sich weiter zu entwickeln und den Weg in die Zukunft zu ebnen.

UPDATE: Auch Zeit.de twittert live aus Gorleben: https://twitter.com/zeitonline_pol



    • Jakob.F

      Etablierte Medien werden nie das Kapital auftreiben, dass ein paar engagierte Blogger zusammen locker haben. Würden sie rumtwittern/bloggen wie die Amateure würde die Fachkentniss zugunsten der Aktualität verloren gehen und wir hätten Meinungen statt Nachrichten.
      ZDF, Zeit und Co. sollten recherchieren und lieber mit 2 Tagen Verspätung berichten statt belangloses in der selben Minute zu twittern.


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