Empfohlen:
Zwei DRadio-Features

Auf einer langen Autofahrt habe ich heute eine Liste von Podcasts abgearbeitet, die ich schon lange hören wollte. Zwei Features sind mir dabei besonders positiv aufgefallen.

1. Cybermobbing: Virtuelle Belästigung mit realen Folgen

Manuela Lundgren beschäftigt sich in ihrem Feature mit dem Phänomen „Cybermobbing“, das von vielen Medien seit Jahren immer wieder aufs als „neue bedrohliche Entwicklung“ verkauft wird.

Zu Beginn hatte ich erst Sorge, dass es wieder einer dieser kulturpessimistischen Beiträge werden würde, in denen die technische Entwicklung „Internet“ Schuld an allem Schlechtem dieser Welt ist.

Besonders übel ist mir folgende (hier verkürzt wiedergegebene) Äußerung von Hamburgs Datenschützer Caspar zu Beginn des Beitrags aufgestoßen:

„Viele der Kinder und Jugendlichen befinden sich mittlerweile ja schon mehr in der sogenannten virtuellen Welt als in der realen, und in dieser Welt ist es eben auch angesagt, Dinge zu tun, die man normalerweise im normalen Umgang möglicherweise nicht miteinander tun würde.“

Derart unqualifizierte und durch keine fundierte Untersuchung unterfütterte Behauptung hätte ich von Herrn Caspar nicht erwartet. Die Mär des sich beinahe nur noch in einer virtuellen Welte lebenden Jugendlichen sollte langsam von etwas differenzierten Sichtweisen abgelöst werden. Von der relativ kleinen Gruppe der Computer- und Spielsüchtigen Rückschlüsse auf eine ganze Generation zuzulassen, halte ich für unzulässig.

(Foto: Paul Walsh)

(Foto: Paul Walsh)

Doch das Feature wird zu Ende immer besser und differenziert sehr gut aus. Was ich Kollegin Lundgren wirklich zu Gute halte sind Stellen wie diese:

„Mobbing im Netz lässt sich nie ganz verhindern unabhängig davon, wie sicher Netze sind oder ob sie über rote Knöpfe verfügen, mit denen man Angriffe im Netz melden kann. Denn: Die Auslöser für die Konflikte, für Beschimpfungen, Demütigungen und Beleidigungen im Netz sind auf den Schulhöfen, also in der realen Welt verankert. Und nur dort können sie auch gelöst werden und das je früher desto besser.“

Danke für diese vernünftige Äußerung.

Das ganze Feature hier als Text oder hier als mp3.

2. Aufklärung statt Medienhype – Politischer Journalismus auf der Suche nach sich selbst

Das zweite empfehlenswerte Feature kommt von David Goeßmann und beschäftigt sich mit der Frage, wie unser politjournalistischen System eigentlich funktioniert, beziehungsweise nicht funktioniert.

Wieso schaffen es bestimmte Themen in die Medien? Warum rennen alle Journaliten der selben Sau hinterher, obwohl gleich daneben ganz andere, viel größere Sauereien zu jagen wären? Wieso gibt es so wenig Journalismus, der Hintergründe aufzeigt, Zusammenhänge erklärt, das große Ganze versucht zu erläutern? Und was tun die Verlage und Medienhäuser dagegen?

Eine der Kernaussagen in diesem Feature stammt von Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg:

„Wir verlassen uns als Journalisten viel zu häufig auf Aussagen von Politikern und anderen bestellten Akteuren, in Pressekonferenzen zum Beispiel. Wir verzichten auf den Augenschein im Journalismus. Wir waren nicht selbst vor Ort und sind oftmals zu gutgläubig. Also diese unterentwickelte Quellenkritik, die führt oftmals zu journalistischen Fehlleistungen. Und da betrügen wir im Grunde auch unser Publikum, weil wir ihm nicht das ganze Bild bieten.“

Aus meiner Berufserfahrung als auch in Berlin zeitweise tätiger Journalist kann ich dies nur bestätigen. Auch ich habe mich an dieser Maschinerie des Publikumsbetrugs schon beteiligt, meistens, ohne es mir wirklich bewußt zu sein. Im täglichen Nachrichtengeschäft fehlt oft die Zeit, Quellen und Aussagen zu überprüfen. Man ist froh, wenn man rechtzeitig bis zur Sendung irgendeine Aussage im Kasten hat, die man in seinen Beitrag schneiden kann.

Eines der größten Feindes des fundierten Qualitäts-Journalismus ist der Zeitdruck.

Das für alle Medienschaffende und -interssierte sehr hörenswerte Feature gibt es hier als Text und hier als mp3.