Kämpft „Tatort Internet“gar nicht gegen Pädosexuelle?

Die Sendung „Tatort Internet“ ist in den vergangenen Wochen ausführlich kritisiert worden. Mutmaßlich unter der Annahme falscher Tatsachen.

In der FAZ vom Wochende hatte der „Tatort Internet“-Produzent Daniel Harrich die Möglichkeit, seine Sendung zu verteidigen und seinen Standpunkt ausführlich darzustellen (Artikel hier). Auch darauf gab es reichlich Replik (u.a. hier).

Die meisten Kommentatoren stürzten sich dabei auf den vermeintlichen argumentativen Schwachpunkt, dass das Anbahnen von sexuellen Kontakten mit Minderjährigen längst strafbar sei. Dabei ist ihnen ein mindestens genauso interessanter Punkt entgangen.

Denn Herr Harrich schreibt in seiner Verteidigung:

„Viele, die wir im Rahmen der Recherchearbeiten getroffen haben, sind möglicherweise nicht pädosexuell veranlagt – es geht ihnen nicht vorrangig um Sex mit dem Kind, sie „nehmen es einfach mit“. Das heißt, dass in unserer übersexualisierten Internetwelt oftmals das Alter keine Rolle zu spielen scheint.

Genau diese potentiellen Täter, denen es nicht um das Kind als Sexobjekt an sich geht, sondern denen das Alter vollkommen gleichgültig ist, könnte die Strafbarmachung der Anbahnung sexuellen Kontakts mit Kindern im Internet abschrecken.“

Ich verstehe Herrn Harrich so, dass mit der Sendung „Tatort Internet“ gar keine Pädosexuellen / Pädophilen abgeschreckt oder überführt werden sollen. Denn in meinen Augen völlig zu Recht gibt er zu Beginn des oben zitierten Absatzes an:

„Wenn Experten argumentieren, dass ein Triebtäter nicht von einer Fernsehsendung oder der Strafbarmachung abgehalten werden kann, so haben diese vielleicht in gewissem Maße recht.“

Die Einschätzung, in der Sendung würden vor allem Männer überführt, denen es nicht vorrangig um Sex mit einem Kind ginge, ist eine für mich völlig überraschende Argumentation. Bislang glaubte ich immer (und viele Medien mit mir), es ginge bei der Sendung darum, Pädophile / Pädosexuelle bei ihrem Tatversuch zu stellen.

UPDATE: Weil es zu Nachfragen kam: Jemand, der Sex mit einem/einer Minderjährigen hat, ist nicht automatisch pädophil/pädosexuell. Siehe dazu „Grundlagen des Begriffs Pädophilie“ in der Wikipedia.

"Zu Guttenberg auf Pädophilen-Jagd": Ein Irrtum?

"Zu Guttenberg auf Pädophilen-Jagd": Ein Irrtum?

Diese Einsicht dürfte auch für Frau zu Guttenberg überraschend kommen. Denn schließlich widerspricht Herr Harrich damit seiner Eintags-Co-Moderatorin grundlegend. Gegenüber der Bild sagte sie nämlich am 7.10. im Interview:

„Aber auch ich bin immer wieder schockiert, wie schnell und gezielt sich die Täter an die Kinder ranmachen.

Potentielle Täter, die „möglicherweise gar nicht pädosexuell veranlagt sind“, denen also „das Alter vollkommen gleichgültig ist“ und auf ihrer Jagd nach Sexualkontakten auch Kinder „einfach mit“ -nehmen, machen sich „schnell und gezielt“ an ihre Opfer ran? Dieser Logik kann ich leider nicht folgen.

Denn entweder suchen sich die Männer die Kinder „schnell und gezielt“ aus, weil sie pädosexuell veranlagt und auf der Suche nach minderjährigen Opfern sind. Oder sie nehmen sie nur beiläufig „mit“, weil ihnen das Alter egal ist und sie eben „möglicherweise nicht pädosexuell“ sind. Die Macher der Sendung und Frau zu Guttenberg sollten sich vielleicht zukünftig besser abstimmen, wen man denn jetzt genau überführen will.

Dass Triebtäter mit solchen Sendungen sehr wahrscheinlich nicht von ihren Taten abgehalten werden können (und auch härtere Strafen wenig bringen dürften), hat Herr Harrich glücklicherweise erkannt. Leider ist ihm mit dieser Erkenntnis die Rechtfertigung für seine Sendung abhanden gekommen, weshalb er sich ein behelfsmäßiges Not-Argument zusammen zimmern muste.

Nur: Frau zu Guttenberg hätte er das vielleicht fairerweise auch mitteilen sollen. Die macht nämlich immer noch „Jagd auf Pädophile“ im Internet.

PS: Die These, in der „übersexualisierten Internetwelt“ würde das Alter von Sexualpartner „keine Rolle spielen“ halte ich außerdem für wagemutig, unbewiesen und nicht haltbar.



  1. Florian

    Frau Guttenberg weiß längst, dass die Mehrzahl der Täter (vorwiegend Männer und ca. 10-40% Frauen), die Kinder vergewaltigen, nicht pädosexuell veranlagt sind. Das schreibt sie in ihrem eigenen Buch über das Thema und zitiert dafür Studien und das ist auch bei Fachleuten (z.B. Traumatherapie) überwiegend geteilte Ansicht.

    Was ist Ihre Expertise bei dem Thema? Haben Sie Fachbücher gelesen? Mit Tätern oder Opfern gesprochen?

    Ich verstehe ehrlich gesagt den Ansatz für Ihren Blogartikel nicht. Das Konzept der Sendung kann man sicherlich vielfältig kritisieren, aber der von Ihnen aufgezeigte angebliche Widerspruch scheint mir keine stichhaltige Kritik zu liefern. Es geht der Sendung ja vornehmlich darum, das straffreie Anbahnen von „sexuellen“ Handlungen Erwachsener mit Minderjährigen im Internet öffentlich zu machen und die Strafffreiheit zu thematisieren. Ich glaube, wir könnten uns darauf einigen, dass das gelungen ist. Ob jetzt durch die Sendung direkt Täter abgeschreckt werden, ist da doch eine sekundäre Frage – für die Macher der Sendung und auch für mich. Täter abschrecken, präventiv von Ihren Taten abbringen, begangene Taten aufklären und bestrafen, ist alles Aufgabe der Gesellschaft, in unserer meist leider viel zu schlecht wahrgenommen durch den Staat.

    Also mein Kommentar zu Ihrem Beitrag: Leider ein unwichtiges Detail aus einer wichtigen Diskussion herausgegriffen und drauf rumgeritten und ohne Erkenntnisgewinn für mich. Aber vielleicht habe ich auch etwas wichtiges übersehen?

    • Daniel Bröckerhoff

      Das für mich Wichtige: Sexuelle Gewalttäter lassen sich nicht von einer Fernsehsendung abschrecken oder präventiv von ihren Taten abbringen. Ich finde das nicht sekundär. Aufklärung und Thematisieren dieses schwierigen Themas sind sehr, sehr wichtig. Aber nicht auf solche reißerische Art und Weise. Das ist da völlig falsche Mittel. Ich bin vor allem Medienjournalist und schaue aus dieser Richtung auf das Thema.

      Und ja: Ich habe Fachbücher gelesen. Und ich kenne Opfer.

  2. André

    Kann man so auch herauslesen und war mir bisher entgangen. Irgendwie wird die Sache immer unrunder, falls das überhaupt noch möglich ist.

    Die Anzahl von Widersprüchen korreliert ja bekanntlich mit der Größe von Lügenkonstrukten.


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