Wikileaks:
Irak-Logs veröffentlicht

Seit Monaten war bekannt, dass die Whistleblowing-Plattform wikileaks.org über einen großen Dokumentensatz zum zweiten Irak-Feldzug der USA verfügt. Freitag abend platzte die Bombe.

Die Organisation hat auf warlogs.wikileaks.org 391,832 Berichte des US-Militärs, die sogenannten „Iraq War Logs“, veröffentlicht. Auf der Seite kann man die vollständigen Berichte einsehen und nach Schlagworten recherchieren. Soweit ich es auf den ersten Blick verstanden habe, wurden die Berichte nach Vorfällen sortiert und untereinander verlinkt. So kann man sich beispielsweise alle Berichte einer bestimmten Einheit anzeigen lassen.

Vorwurf: USA wußten von Folterungen, unternahmen nichts

Der Guardian hat  in einem ersten Artikel die Quintessenz der Dokumente zusammen gefasst. Der Hauptvorwurf: Die US-Truppen hätten von Mißhandlungen und Folterungen in irakischen Gefängnissen und Polizeistationen gewusst, hätten aber auf Befehl von oben lediglich Bericht erstattet und nicht eingegriffen. Dies alles in einer Zeit, in der das Pentagon offiziell verlauten ließ, es gäbe keine Mißhandlungen mehr im Irak.

Der Spiegel fasst seine Erkenntnisse wie folgt zusammen:

Die Dokumente belegen hunderttausendfach, was im schlimmsten Fall mit einer Gesellschaft im Krieg passiert – wie sie sich allmählich selbst zu zerstören droht und an den Rande des Zusammenbruchs kommt. Ein offener Bürgerkrieg zwischen den Bevölkerungsgruppen wurde im Irak in jenen Jahren nur knapp verhindert.

AlJazeera hat seine Recherchen in einem sehr aufwändig produzierten Video verarbeitet, inklusive vieler nachgestellter Folter-Szenen:

Zusammenarbeit mit ausgewählten Medien

Dass Aljazeera, Der Spiegel und der Guardian gemeinsam mit der Veröffentlichung aller Dokumente eine Analyse anbieten können liegt daran, dass Wikileaks (wie schon bei den Afghanistan-Dokumenten) auch dieses Mal mit einigen Medien exklusiv zusammen gearbeitet und ihnen vorab Zugriff auf das Datenmaterial gewährt hat.

Dies hat Vorteile: so konnte zum Beispiel der Guardian die Daten sehr viel übersichtlicher als Wikileaks aufbereiten und auch der Spiegel hat ganze Arbeit in Sachen Datenjournalismus geleistet und die Ergebnisse interaktiv aufbereitet.

Die Weltpresse sieht sich also nicht einer Datenflut ausgesetzt, die sie erst wochenlang durcharbeiten muss, bis die ersten Ergebnisse präsentiert werden können. Die „Drecksarbeit“ haben einige renommierte Medien gemacht, der Rest der Journalisten kann sich an ihren Erkenntnissen gütlich tun.

Von Nachteil ist dies allerdings für Redaktionen, die auch gern exklusiven Zugriff gehabt hätten. Hier wird man auf Wikileaks sicher nicht besonders gut zu sprechen sein. Schließlich hatte sich die Organisation einmal zum Ziel gesetzt, die Informationen der Welt allen gleichberechtigt zur Verfügung zu stellen. Einmal mehr stellt sich so die Frage, nach welchen Kriterien Wikileaks die Partnermedien auswählt. Fließt Geld? Oder ist alles nur eine Sache des Vertrauens?

Dokumente ausreichend redigiert?

Interessant ist weiterhin, dass der Guardian sich nicht traut, die gesamten Dokumente zu republizieren. Die Begründung:

„Largely because we can’t be sure the summary field doesn’t contain confidential details of informants and so on.“

Dies passt zu der Kritik, die der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg mir gegenüber im Interview äußerte. Er – und nach seiner Auskunft auch andere Wikileaks-Aktivisten – befürchteten, dass nicht genug Ressourcen zur Verfügung stünden, um den großen Aufwand, den eine solche Materialmenge verursacht, verantwortungsvoll zu bearbeiten.

Ob in der Materialmenge tatsächlich sensible Daten übersehen wurden, ist zur Zeit nicht abzuschätzen. Dem Guardian scheint die Sache aber nicht geheuer zu sein, was meiner Meinung eher ungewöhnlich ist.

UPDATE 23.10.10, 11.02h: CNN stellt fest, dass Wikileaks die Dokumente sehr viel genauer und sorgfältiger überarbeitet hat als bei früheren Veröffentlichungen.

Pressekonferenz in London

Wikileaks hat außerdem zu einer Pressekonferenz geladen, die laut cryptome.org Samstag vormittag in London stattfinden soll. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass die beteiligten Medien bis dahin mir ihren Veröffentlichungen warten. Aber Aljazeera hat es scheinbar nicht ausgehalten, wie aus diesem Wikileaks-Tweet zu lesen ist:

Es wird spannend zu beobachten sein, wie die Weltöffentlichkeit auf die Veröffentlichung reagiert, wie es mit Wikileaks weiter geht und was morgen auf der Pressekonferenz noch an News zu erwarten ist.

UPDATE: Wikileaks-Chef Julian Assange hat sich auf CNN schon zu den Dokumenten geäußert.

UPDATE 23.10.10, 11.10h:
Die Pressekonferenz wird LIVE vom ZDF gestreamt.