Jan 27 2012

#TwitterCensored: My mails to Rachel Bremer (Twitter)

As the interwebs are full of rumors, saying Twitter will be filtering its content based on in which country its users live in (as described in this blogpost), I wrote an email to Rachel Bremer, Spokesperson for Twitter in Europe.

This is what I asked her:

Dear Mrs Bremer,

(…unimportant jibberjabber…)

Concerning the Twitter-Blogpost “Tweets still must flow” I would like to know how Twitter has been handling the problem of country limits. The post says: “Until now, the only way we could take account of those countries’ limits was to remove content globally.”

So has been Twitter removing content globally? If yes, which kind of content has this been and how often did this happen? Who has been deciding what to delete and who has been typically the appellant?

Thanks for you help,

Yours sincerly

This is what Rachel Bremer replied (rather quickly):

Hi Daniel- thanks for getting in touch.

When Twitter is forced to remove content from the platform in response to a valid legal request, we will do so and report it to the site Chilling Effects- to provide transparency to our users about what we are being required to do. This announcement is not a change in our philosophy or policy around protecting people’s right to free expression, but a way to be more granular on a per country basis when tweets must be withheld, instead of roving them for users worldwide. We as a company, and as indivisible employees, feel extremely passionate about people’s right to free expression- which has been demonstrated in our actions since the company was founded. I want to stress that that is not changing. Please let me know if you have other questions.

rachel bremer, twitter

As far as I understand her response, Twitter will only be taking action, when forced to do so by a legal request. But unlike in the past, the content will not be deleted worldwide, but filtered locally in the country the request came from.

The local filter will not be implemented using geoblocking (source), but it will be left on the user to decide in which country he “officially” lives in.

I wanted to know more, so I wrote another mail to Mrs. Bremer:

Hi Rachel,

thanks for your quick response. I have indeed some questions left as the discussion on the interwebs is still going on and there seems to be quite a lot of confusion on how twitter is going to implement the new feature.

Will Twitter decide on its own, which tweets to filter in which country and select/filter them without any other party forcing you to do so? Or will you ONLY block content in response to a valid legal request in the country the legal request came from? In clear words: Will Twitter be censoring its content on its own aka self-censorship? If not, why didn’t you say so clearly in your blogpost?

As I read on netzwertig.com, Twitter will not be implementing geoblocking but will be giving the user the ability to choose in which country he lives in. Is that correct? If yes, why didn’t you say so clearly in your blogpost?

Thanks a lot for your help,

Daniel Bröckerhoff, NDR Zapp

As soon as she replies I will be posting her response here.

//UPDATE 17:07//

Rachel has replied:

Hi Daniel – we always have, and will continue to evaluate each complaint on a case by case basis. We will make a determination based on the information we have at our disposal, which may include legal confirmation of a law being broken. There are so many different hypothetical situations, which we won’t comment on, that’s it’s hard to get any more specific than this.

We outline the country setting process very clearly on our help pages, but I understand that there’s been some confusion about that online. Because we understand that geo-location by IP address is an imperfect science, we give our users the control to manually change their setting if they’ve been misidentified.

https://support.twitter.com/articles/20169220

Best,
Rachel

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Dez 31 2011

Was das Internet für Obdachlose (und andere Randgruppen) tun kann…

Sie sind ausgegrenzt, im Gefängnis, haben eine Behinderung oder leben am Rand der Gesellschaft. Doch das Internet gibt denen eine Stimme, die sonst in der Öffentlichkeit keine haben oder zu wenig wahrgenommen werden.

Mehrere Male bin ich dieses Jahr mit Menschen in Berührung gekommen, denen ich nicht begegnet wäre, wenn ich nicht Journalist wäre. Und wenn es das Internet nicht gäbe. Für beides bin ich sehr dankbar.

Nachhaltig prägend war die Begegnung mit Heiko Kunert, blinder Blogger und Pressemensch des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenvereins und Janine Zehe, ebenfalls blind und im Netz aktiv. Mit beiden habe ich für den Elektrischen Reporter ein Stück über Blinde im Internet gedreht.

Was ich zeigen wollte: Wie Blinde mit dem Netz umgehen und wie es für sie eine völlig neue Möglichkeit eröffnet hat, mit Nicht-Blinden zu kommunizieren, sich auszutauschen, sie kennen zu lernen. Es macht sie unabhängiger und freier. Und sie können sich Gehör verschaffen, wenn andere sie ignorieren.

Barrieren sprengen, wo keine sein müssen

Heute hab ich einer weiteren Seite gefunden, die mich tief beeindruckt und berührt hat. Es ist die Facebook-Seite des Obdachlosen Max Bryan, der sie wie ein Blog benutzt. Max hat nach eigener Diagnose eine Art multiple Persönlichkeitsstörung und ist sowohl Max (sein Geburtsname), als auch Bryan (sein Alter Ego).

Seit 20 Monaten ist er ohne Wohnung, nachdem er 15 Jahre lang in einer Dachkammer gehaust hat, in der er, einem inneren Zwang nachgebend, versucht hat, eine Art “Welt-Index” zu erstellen. Derzeit radelt Max Bryan auf der Suche nach einer Wohnung quer durch Deutschland, was auch etwas Presse-Echo nach sich gezogen hat (z.B. hier, hier und hier).

Was mich an seinem Blog-Projekt so bewegt hat, war die schonungslose Innenansicht seiner Seele, die Art wie er schreibt und von seinem Leben und seiner Reise erzählt – und ein Foto. Es zeigt Max auf den Stufen der Hamburger “Roten Flora”, einem Treffpunkt für die Reste der linken Szene der Stadt und eine Anlaufstelle für Obdachlose. Sie schlafen auf den Treppen der ehemaligen Oper, betteln, saufen, prügeln sich, während Menschen wie ich auf der anderen Straßenseite überteuerten Milchkaffee trinken.

Die Gesichtslosen bekommen ein Gesicht

Ich gehe normalerweise auch an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Manchmal gebe ich Geld, wenn ich den- oder diejenige öfters gesehen habe und weiß, dass die Cents nicht in Alkohol fließen. Aber wir leben in getrennten Welten.

Und dann bekommt eines der bärtigen Gesichter in schmutzigen Sachen auf einmal ein Gesicht und eine Stimme. Und ich beginne zu begreifen, was ich eigentlich schon wusste: Diese Menschen sind nicht immer selber schuld an ihrem Schicksal. Sie sind Opfer ihrer Kindheit, dieser Gesellschaft, ihres Lebens, anderer Menschen.

Denn Max Bryan erzählt nicht nur von sich und seiner harten Lebensgeschichte, sondern auch von anderen, denen er begegnet ist. Von dem Mann, dessen Wohnung abbrannte, während er mit Schlaganfall im Krankenhaus lag. Von dem Mann ohne Beine, der lieber draussen lebt, als seiner Familie zur Last zu fallen.

Früher wären diese Geschichten unerzählt geblieben. Und Max Bryan hätte die Episode seines Lebens, in der er zwanghaft in seiner Wohnung die Welt geordnet hat, höchstens einem Psychologen berichten können. Jetzt kann er sich der Welt mitteilen, so lange und so ausführlich, wie er will. (Sehr ausführlich tut er das in seinem FAQ.) Das verdanken wir dem Internet. Für mich einer der besten Gründe, warum diese technische Errungenschaft so schützenswert ist.

//Nachtrag//

Gerade fällt mir noch eine weitere Seite ein, die mich sehr beeindruckt hat. Es ist die Homepage von Jens Söring, der nach eigenen Angaben unschuldig in Virgina, USA im Gefängnis sitzt und von dort aus über das amerikanische Justizsystem bloggt. Sehr lesens- und empfehlenswert, weil sachlich und beobachtend geschrieben.

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Nov 13 2011

#Pilotsendung: Warum Journalisten öffentlich arbeiten müssen

Seit fast drei Wochen arbeiten wir an unserer Pilotsendung. Eins meiner Vorhaben war: Bei meiner Recherche eng mit dem Netz zusammen arbeiten. Der Plan war ambitioniert, erfolgreich, hat aber auch nur halb geklappt. Welche positiven und negativen Auswirkungen soziale Medien auf das journalistische Arbeiten haben können – mein Fazit in losen Stichpunkten. Die Cons zuerst.

CON: Man muss es wollen

Der wahrscheinlich wichtigste Punkt zuerst. Wer sich nicht für Kommunikation begeistern kann, wer Hemmungen vor sozialen Medien, dem Internet und viel Tippen hat, wer es nicht schätzt sich mit Wildfremden auszutauschen oder sich öffentlich mit seinem Halbwissen “nackig” zu machen, der kann hier aufhören zu lesen. Wer all das ablehnt, ist aber wahrscheinlich im Journalis eh falsch aufgehoben.

Denn Recherche ist immer Arbeit, sie auch noch (halb-)öffentlich zu betreiben eröffnet viele neue Chancen, ist aber auch nicht einfach. Vor allem für die Journalisten der “alten Schule”, die es gewohnt sind, im stillen Stübchen zu arbeiten, stets in der Angst, jemand anders könnte schneller sein oder mitbekommen, woran gerade gearbeitet wird ist der Paradgimenwechsel enorm.

Crowdsourcing - it works!

Crowdsourcing - it works!

CON: Langer Atem und Nachhaltigkeit

Vor allem weil sich die Erfolge nicht über Nacht einstellen. Meine 1400 Follower bei Twitter sind aus 2 Jahren kontinuierlicher Aktivität erwachsen. Ständige Kommunikation, Feedback, Austausch sind Garant dafür, auch wahrgenommen zu werden.

Das dauert zwar, ist aber auf die Dauer nachhaltiger. Dass ich so aktiv im Netz bin, hat mir bei diesem Projekt enorm geholfen. Aber ohne mein vorheriges “Investement” wäre es mir nicht gelungen.

CON: Ablenkung

Wer twittert schweift schnell ab. Sich zu fokussieren, sich nicht ablenken zu lassen ist die größte Herausforderung im Zeitalter der Timelines und Newsströme.

Ich bin darin nicht immer so gut, wie ich es gern wäre. Doch letztendlich ist das einer der Bestandteil der oft beschworenen Medienkompetenz, die wir alle lernen müssen.

CON: Hoher Zeitaufwand

Hinzu kommt ein relativ hoher Zeitaufwand. Ich hatte eigentlich vor, die Pilotphase viel intensiver zu bloggen. Doch mit dem Einarbeiten in ein mir fremdes Themenfeld, dem Suchen nach Drehorten und Gesprächspartner, der Orga und den Drehs selber ist ein Reportertag mehr als gut ausgefüllt.

Abends den Stand der Recherchen fü den interessieren Leser zusammen zu fassen hätte locker ein bis zwei Stunden länger gedauert. Ich habe mich daher aufs Twittern “beschränkt”, was sich aber für die (Recherche-)Arbeit als sehr tauglich dargestellt hat. Und vielleicht ist soviel Transparenz und up-to-date-sein gar nicht notwendig?

CON: Schwäche zugeben

Dem journalistischen Stand haftet oft der Ruf der Arroganz an. Häufig zu Recht. “Ich will gar nicht wissen, was die Leute über meine Artikel denken”, sagte mir kürzlich ein Freund. Für mich ein nicht nachzuvollziehender Standpunkt, schließlich mache ich meine Berichte und Filme für die Menschen da draussen.

Jedes Feedback ist daher wichtig, ob positiv (Ermutigung) oder negativ (potentielle Verbesserung). Doch wer zugibt, dass er sich verbessern kann, zeigt vermeintlich Schwäche. Das ist nicht jedes Menschen Sache.

Gerade gelernt, dass Ratings von Ratingagenturen in ihren Augen nur "Meinungen" sind, auf die man sich nicht verlassen sollte. #Pilotsendung
@doktordab
Daniel Bröckerhoff

PRO: Experten treffen, gemeinsam recherchieren

Dass viele Journalisten lediglich ein gesundes Halbwissen haben, möchten sie daher auch ungern zugeben – eines der größten Probleme des Journalismus derzeit. Ihr Unwissen öffentlich kund zu tun, scheint vielen daher eine Deligitimation ihres Berufes gleich zu kommen.

Dabei sehe ich gerade in sozialen Medien die Chance, auf Experten zu treffen oder gemeinsam zum Experten zu werden. Dass wir nicht alles wissen können, sollte mittlerweile gesunder Common Sense sein. Und selbst wenn es nicht um Expertenwissen geht: Es gibt viele Menschen da draussen, die gute Tipps haben.

#Folloerpower: Suche nette Kneipe in Berlin, die gern bei sich drehen lassen für eine kleine Saufrunde mit Politiker-Kindern. #Pilotsendung
@doktordab
Daniel Bröckerhoff

Einer der wichtigsten Hinweise für meine Recherchen kam zum Beispiel über die Twitter: Der Verweis auf den hervorragenden Dokumentarfilm “Inside Job”, der mir die US-Finanzkrise 2008 anschaulich und ausführlich erklärt hat.

Auch ein vermeintlicher WLAN-Störsender, den mir ein “Occupy Frankfurt”-Aktivist beim Dreh präsentierte, konnte mittels Crowsourcing und Hive-Mind als “wahrscheinlich irgendwas anderes” identifiziert werden. Die zwei Stunden, in denen wildfremde Menschen mir halfen, das Bauteil zu identifizieren waren für mich ein Schlüsselmoment: Es funktioniert!

Das soll ein WLAN-Störsender sein, gefunden in einem Busch am #occupyfrankfurt-Camp. Wer das verifizieren? http://t.co/bck2DqqJ
@doktordab
Daniel Bröckerhoff
@ Spannungswandler/Netzteil scheint mir eher plausibel,aber für mehr bräuchte man ein höher auflösendes Bild. Störsender-Netzteil?
@ scheint ein mini Netzteil zu sein. grün und braun sehen zwar aus wie eine Antenne - glaub ich aber nicht.
@grillenverboten
Peter Grillen

Den Drehort für einen meiner Reporter-Beiträge haben wir ebenfalls per Followerpower gefunden – allein hätte ich mich totgesucht bei der Recherche nach kamerafreundlichen Bars in Berlin.

PRO: Man lernt andere Perspektiven kennen

Ich glaube nicht an objektiven Journalismus und auch nicht an “Wahrheit”. Ich glaube an Perspektiven, Diskurse und Subjektivität – aber auch an die Fähigkeit des Menschen, sich Meinungen zu bilden und diese ändern zu können (und zu dürfen).

An jede Geschichte und Recherche gehe ich mit meinem eigenen persönlichen Zugang und meiner kulturell geformten Prädisposition. Ich kann nicht aus meiner Haut und auch nicht aus meinen Denkmustern – aber ich kann mich bemühen für andere Argumente oder Sichtweisen offen zu sein.

Hierbei hilft das Netz ungeheuerlich. Hier finden sich alle Arten von Meinungen, Denk- und Sichtweisen, alle möglichen Menschen, mit denen man sich austauschen und an denen man sich reiben kann. Um zu einer eigenen Meinung zu kommen, kann ich mir keinen geeigneteren Ort vorstellen.

PRO: Themen & Zugänge sondieren

Ebenso gibt es keinen besseren Ort, um Stimmungen und Zugänge abzuklopfen. Als ich ankündigte, dass wir mit den Söhnen von Ralf Stegner und Winfried Kretschmann einen alkoholgeschwängerten Abend verbringen würden, war die Begeisterung groß.

@ Yay! Wenn du die wirklich abfüllst und das drehst... Ich lach mich jetzt schon weg xD
@benbfranklin
Anonymous

Auch dass das Krisen-Thema interessieren würde war schnell klar, als ich ständig und stetig Feedback über Twitter und Facebook bekam. Für Journalisten, die allzu oft im elfenbeintürmigen Nebel stochern das ideale Tool zum Sondieren von Themen.

PRO: Es macht Spaß

Der beste Grund: Es macht Spaß. Punkt.

Fernsehen und web2.0 geht nich? oh doch und wie! @ #ff
@anmedja
AnjaTV

Genau.

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Nov 1 2011

20 Stunden #OccupyFrankfurt
- Ein Festival des Zorns

20 Stunden (mit Schlaf- und Dreh-Unterbrechungen) hab ich mich auf dem OccupyFrankfurt-Camp rumgetrieben. Hab Leute getroffen, mit ihnen diskutiert, mir die Assamblea angesehen und mein Zelt im Camp aufgeschlagen. Die Erfahrung lässt mich zwiegespalten zurück.

Der Mann auf dem Boden ist wütend. “Die Scheiss-Banker denken sie wären was Besseres. Wenn ich sie in der Innenstadt um eine Spende bitte, werde ich nicht nur ignoriert, ich werd beschimpft.” Sein Kumpel neben ihm fällt ihm ins Wort “Diese Fotzen-Banken! Die sollen mal aufpassen, dass wir ihnen nicht da hoch kommen.” Die Männer sind angetrunken, aber die Wut ist echt.

Es sind die deutlichsten, aber nicht die einzigen wütenden Worte, die ich an dem Abend zu hören bekomme. Jeden den ich frage, hat einen anderen Grund, warum er im Camp ist. Aber alle haben sie irgendwie die Schnauze voll. Von den Banken, von den Politikern, von der Krise, vom Euro, der Umweltverschmutzung, der Globalisierung, der Ausbeutung, dem Kapitalismus – dem Scheiss-System.

Das dicke € besetzen: Volksküche unter dem Euro-Zeichen.

Das dicke € besetzen: Volksküche unter dem Euro-Zeichen.

Diffuse Wut

Die Wut ist oft genug diffus. Die Menschen kommen vom Hundertsten ins Tausende, wenn ich mit ihnen rede. Sie haben alle ein großes Mitteilungsbedürfnis – wenn man sie nicht stoppt oder eine Zwischenfrage stellt, bekomme ich 5 Minuten lange Monologe zu hören. Es hat sich viel Unzufriedenheit aufgestaut, hab ich das Gefühl, die jetzt aus den Köpfen und Mündern hervorbricht.

Dabei ist die Stimmung im Camp an diesem Sonntag Abend eher entspannt. Zwei Feuer brennen in Tonnen, aus der Küche zieht Eintopf-Geruch über den Hauptweg in der Camp-Mitte. 10 Leute sitzen im Kreis und trommeln irgendwie (oder “intuitiv-improvisatorisch) auf nicht-gestimmten Trommeln.* Einer jongliert mit Feuer, irgendwo anders dröhnt ein Soundsystem.

Auf Decken und Planen, auf Stühlen und Hockern sitzen Menschen zwischen 20 und 60, rauchen, trinken, essen, unterhalten sich. Ein politisches Protest-Camp hatte ich mir in meiner naiven Weltsicht anders vorgestellt. Weniger wie die kleine Schwester des Fusion-Festivals. Mehr wie die zornige Tochter des Tahir-Platzes.

Mein Zuhause für eine Nacht: Ein Zelt am Rande des Camps.

Mein Zuhause für eine Nacht: Ein Zelt am Rande des Camps.

Assamblea: Basisdemokratie in Reinform

Die Assamblea verstärkt meinen Eindruck. Als sie mit einer halben Stunde Verspätung lsogeht haben sich ca 30-40 Leute eingefunden (ich bin aber mies im Schätzen). Ich hatte mir (in meiner naiven Weltsicht) vorgestellt, dass das die Hauptveranstaltung des Abends ist und mindestens das ganze Camp teilnehmen würde.

Pustekuchen. Es sitzen noch mindestens genau so viele Menschen draussen im Camp und interessieren sich mehr für Spaß und Juckelei als für inhaltliche Diskussionen. Vielleicht bin ich da ungerecht. Wenn es zweimal am Tag so eine Assamblea gibt (und das seit zwei Wochen), geht man vielleicht nicht immer hin. Aber der Eindruck, dass es hier mehr um das Event als um Veränderungen gehen könnte, kann für Außenstehende leicht aufkommen.

Dass manchen lieber fern bleiben hat sicher seinen Grund. Schließlich – das finde ich schnell raus – ist so eine Versammlung nicht unanstrengend. Jeder hat Rederecht – Basisdemokratie sei Dank. Was sich in der Theorie gut anhört, ist in der Praxis ein echte Herausforderung. Denn viele machen von ihrem Recht Gebrauch. Und sei es nur, um zu bestätigen, dass man mit dem Gesagten einverstanden ist oder dem Vorredner zustimmt.

So werden auch kleinste Kleinigkeiten durchexerziert. Bis die Versammlung uns gestattet mit der Kamera anwesen zu sein, vergehen einige Minuten, in denen sich die Anwesenden auch über den generellen Umgang mit der Presse und Negativ-Beispielen austauschen. Als wir dann filmen dürfen hab ich trotzdem das Gefühl, dass diese Entscheidung schnell und im Konsens getroffen wurde. Aber wie lange dauert dann eine wirklich schwierige Entscheidung?

Nächtliche Assamblea: Basisdemokratisch. Und (deswegen) anstrengend.

Nächtliche Assamblea: Basisdemokratisch. Und (deswegen) anstrengend.

Beeindruckende Infrastruktur

Trotz dieser Vorbehalte bin ich beeindruckt vom Camp. Die Infrastruktur hat sich seit meinen letzten Besuch vor 12 Tagen professionalisiert, große Zelte sind aufgebaut worden, es gibt eine eigene IT-Abteilung und ein funktionierendes WLAN. Die Küche ist fast rund um die Uhr geöffnet und das Camp wirkt weder schmuddelig, noch chaotisch.

Auch sind die geäußerten Kritiken (s.o.), Wünsche, Wut-Ausbrüche nachvollziehbar, unterstützenswert und größtenteils in meinen Augen berechtigt. In einem sind sich alle einig: So, wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Die Welt ist ungerecht, wird ausgebeutet und mit ihr die Menschen, das Kapital regiert uns und wir verstehen nicht mal wirklich wie das funktioniert.

Doch schon bei der Suche nach den Schuldigen fängt es an: Wer ist verantwortlich? Die Banken? Die Politiker? Die Unternehmen? Das “System”? Wir? Ihr? Ich? Die Gummibären-Bande?

Was ist eigentlich passiert?!

Auch die Frage nach den Ursachen ist schwierig: Ist es die Gier? Unsere Erziehung? Sozialisation? Das “System” (schon wieder)? War es der teuflische Plan der Iluminati? Die Weltverschwörung der Bilderberger? Oder hat sich der Joker was fieses ausgedacht?

Erst gerade ist man im Camp dabei, sich auf einen gemeinsamen Forderungskatalog zu einigen. Nach wirklich praktiblen Lösungen, jenseits von “Geld abschaffen, alles verstaatlichen, alles für alle und zwar umsonst”, sollte man gar nicht erst fragen. Die Ratlosigkeit ist Dauergast bei den Okkupisten – und ich kann es ihnen nicht übel nehmen.

Doch ich weiß, dass es andere tun. Und ungeduldig mit den Hufen scharren. Ich weiß auch, wie anstrengend so eine Basisdemokratie auf die Dauer werden kann. Vor allem, wenn man es mit eigentlich nicht miteinander zu vereinbaren Positionen zu tun hat.

Widerspruch oder berechtiger Wunsch?

Widerspruch oder berechtiger Wunsch?

Spannungen untereinander

Die ersten Spannungen waren dann auch für mich zu spüren. Ein Mann kam auf mich zu und wollte mir die Schmutzwäsche des Camps ausbreiten. Auf einmal stellte sich eine Frau neben uns, er schwieg sofort, nahm mich beiseite und murmelte was von “Stasi”.

Dann begann er von verschwundenen Spendengeldern und geklauten Beamern zu erzählen, die erst wieder auftauchten, als er Druck gemacht habe, weil er die Übeltäter gekannt habe. Eine merkwürdige Situation.

Auch gegen die “Zeitgeist”-Aktivisten gibt es Vorbehalte, den meisten sind ihre recht simpel erscheinenden Lösungsansätze zu billig, andere werfen ihnen Sektenähnlichkeit vor.

Ob es die Occupy-Bewegung  in Deutschland angesichts dieser Herausforderungen über den Winter schaffen wird? Ob sich die Aktivisten auf einen gemeinsamen Forderungskatalog einigen können? Vielleicht sogar konkrete Lösungen ausarbeiten, ohne von Utopistan zu fabulieren? Ohne, dass Macht- und Grabenkämpfe ausbrechen?

Ganz ehrlich: Ich bin da etwas skeptisch. Aber ich würde es ihnen wünschen.

tldr

Auf dem OccupyFrankfurt-Camp finden sich viele ratlose Wutbürger, die irgendwas verändern wollen, aber nicht genau wissen, wie. Gemeinsam wollen sie versuchen einen Forderungskatalog zu erarbeiten, dabei stehen sie aber vor großen Herausforderungen wie Basisdemokratie, verschiedenen Glaubens- und Wertsystemen oder schlicht gegensätzlichen Meinungen. Ich bin skeptisch, ob sie es schaffen werden, sich zusammen zu raufen, würde es ihnen aber wünschen.

*Der Percussionist in mir hat mit sowas große Probleme. Nur weil es einfacher ist, aus Trommeln irgendwelche Geräusche zu bekommen als aus anderen Instrumenten, sollte nicht jede/r Franz/Fränzin meinen, er/sie sollte/könnte jetzt auch mal ein bißchen öffentlich rumlärmen. Würde man mit einer Querflöte ja auch nicht machen.

Dieser Artikel ist Teil unserer derzeit in Arbeit befindlichen Pilotsendung, über die ich ständig twittere und hier berichte. Feedback mehr als Willkommen!

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Okt 29 2011

Das Thema: “Versaut uns der Kapitalismus die Zukunft?”

Jede Sendung braucht Themen. Unser Pilotprojekt zum Glück nur eins. Wir haben uns nach einer kleinen Diskussionsphase schnell einigen können, denn das Thema brennt. Meine Damen und Herren, bitteschön: Eine Sendung über den Kapitalismus.

Das Konzept der Sendung stand schon länger fest, eine Themenliste gab es auch, aber richtig geschockt hat uns nichts davon. Die erste Idee “Danke fürs Verbauen der Zukunft, liebe Eltern” haben wir wieder verworfen, weil das Thema irgendwie zu schwammig war und uns kein guter Talkgast eingefallen ist.

Nun werden wir uns also mit dem allgegenwärtigem Krisen-Thema auseinander setzen und ich muss innerhalb kurzer Zeit meinen Wirtschaftswissenschafts-Hass überwinden. Ein bißchen Kapitalismuskritik hab ich durch meine Sozialisierung mitbekommen, auch meine Jahre bei der Naturschutzjugend haben ihre Spuren hinterlassen. Aber so richtig verstanden, was da gerade eigentlich passiert, wie wir da hingekommen sind und wie wir da wieder rauskommen – ähm…

Ich lese also derzeit, was ich zum Thema finden kann und werde die Links hier auch teilen. Wer Input für mich hat: Her damit! In die Kommentare, per Twitter oder per Mail.

Hier die erste kleine Linkliste:


Morgen geht’s auf zum ersten Dreh: Ich werde mir das OccupyFrankfurt-Camp anschauen und eine Nacht dort im Zelt bleiben. Ich bin gespannt. Und werde berichten.

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Okt 28 2011

Tolles neues Projekt!

ES IST SOWEIT! Wir erfinden das Fernsehen neu! Es wird alles ganz anders als bei anderen! Es wird bunt und verrückt, irre gut recherchiert und politisch, trotzdem unterhaltsam und vor allem TOTAL INNOVATIV!

So, oder so ähnlich, reden Fernsehmacher gern, wenn sie etwas machen, was gemeinhin als “Pilot” bekannt ist (Definition Wikipedia hier). So oder ähnlich haben Mr. X* und Mr. Y* zum Glück nicht geredet, als sie mich vor einigen Wochen fragen, ob ich bei ihrem Projekt dabei sein würde. Vorrausgesetzt, der Sender würde es haben wollen.

Denn genau wie jeder Fernsehmensch gern die Glotze neu erfinden würde, weiß im Grunde seines Herzens jeder Fernsehmensch, dass es schon alles gegeben hat. Spätestens seitdem Fernseh-Neuerfinder Stefan Raab parodiert werden kann, ist das Fernsehen zuende erfunden. Oder so.

Mr X. und Mr. Y versuchenes trotzdem. Und machen das offensichtlichste: Sie mischen zwei Genres zusammen, die nichts miteinander zu hatten. Bislang.

Der neueste Bastard (aka Mash-Up) der deutschen Fernsehgeschichte wird demnach eine Fusion aus Reportage und (ACHTUNG! FESTHALTEN!) TALKFORMAT sein.

(Kurz Durchatmen)

Wie das geht? Es geht. Gut. Hoffentlich.

Denn seit Dienstag Abend sind wir dabei, diese kleinen Piloten zu planen. Ein öffentlich-rechtlicher Sender will tatsächlich wissen, wie der  Hybrid aussehen könnte und hat die Taschen aufgemacht.

Die Idee: Eine monothematische Sendung für halbwegs aufgeweckte 20 bis 30jährige, in der ein Reporter und ein Talk-Gast um die Wette disputieren, unterbrochen von Einspielfilmen, die den Reporter beim Recherchieren und Leute-Treffen zeigen und die so immer neuen Gesprächsstoff für die Sendung liefern.

Am Ende der Sendung soll die Moderatorin entscheiden, welcher Standpunkt überzeugender gewesen ist und dem Zuschauer so Orientierungshilfe im schwierigen Alltagsentscheidungsdschungel geben.

Der Reporter werde übrigens ich sein.

Über den Verlauf der Planung und meiner Recherche werde ich hier im Blog schreiben und auch um Feedback bitten. Das ist Teil des Konzeptes der Sendung. Da wir bis zuletzt nicht sicher waren, ob der Sender aber auch damit okay ist, dass wir schon die Pilotphase völlig transparent gestalten, ist der Anfang noch etwas holprig und findet hier in meinem Blog statt. Solange, bis die Sendung einen Namen hat. Kann sich nur noch um Tage handeln. Schließlich wollen wir in gut zwei Wochen aufzeichnen.

Drückt uns die Daumen. Und bleibt dran.

*Die real Namen der beiden müssen #ausGründen noch geheim bleiben.

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Okt 14 2011

Diskussion: Darf der #occupy-Protest von Parteien vereinnahmt werden?

Die Occupy-Bewegung schwappt aus den USA zu uns herüber. Für morgen sind bundesweite Demonstrationen angekündigt. Dürfen Parteien den Protest für sich vereinnahmen?

Letzten Mittwoch haben Kollegin Tina Schober und ich bei Zapp diesen Beitrag über die Occupy-Bewegung gemacht.

Einer der diskutierten Schlusssätze drehte sich darum, wer die angekündigten Proteste in Deutschland wohl für sich vereinnahmen könnte. Wir tippten auf DIE LINKE Angesichts der Realität war unsere Prophehezeihung allerdings sehr bescheiden.

@BenbFranklin reichte mir heute diesen Artikel aus der Berliner Rundschau weiter. Darin findet sich ein munteres Potpourri von Politikerstimmen aller Parteien, die sich irgendwie mit den Protesten solidarisieren oder zumindest Verständnis äußern.

Ich reichte den Link auf Twitter weiter:

Soviel zur Vereinnahmung: Die deutsche Politik stellt sich hinter Bankenprotest. http://t.co/fuQK9cI7 #Occupy
@doktordab
Daniel Bröckerhoff

Nicht ahnen, dass sich darauf eine muntere Diskussion ergeben könnte:

@ @ @ Es kommt uns nu recht. Die Vereinnahmung rennt gegen die Wand un wir kriegen weiter Vortrieb. #anonymous
@benbfranklin
Anonymous
@ @ @ Heuchler ! Wer, wenn nicht Politiker, könnten die Banken an die Kandare nehmen? @
Bin gespannt, @ und @, ob wir morgen Parteiabzeichen sehen. Das gibt schöne Diskussionen! #15oct #15o #occupy
@sinnvolk
sinnvolk
@ @ sie legitimieren die Proteste und kriegen fettes Blaming das sie es nicht selbst getan haben xD so geil
@benbfranklin
Anonymous
@ @ich laß meine fahne morgen auch erstmal zuhaus. wir sollten den politikzirkus einfach raushalten.
@linksrum
Oliver
@ @ @ /Früher gabs an Zügen Viehwagen! Also lasst Sie aufspringen, und sperren wir Sie rein! Die Mitmachpolitiker!
@Raimund2502
Raimund Rothlübbers
Mutti soll's richten, wird/will 's aber nicht tun. Werdet erwachsen!@ @ @ @
@linksrum
Oliver

Ich kenne keinen der Diskutanten persönlich und bin nicht mit jeder Äußerung einverstanden. Allerdings finde ich die Frage sehr interessant:

Dürfen oder Sollen Parteien und andere Institutionen den Occupy-Protest für sich vereinnahmen?

Über eine angeregte Diskussion hier würde ich mich sehr freuen.

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Aug 25 2011

Die Politik und die Angst vor dem Internet

Meine Kollegin Tina Schober und ich haben für das NDR-Medienmagazin Zapp die Sommerthemen #modegeworden und #iminternetgeboren aufgedröselt und die Angst der (konservativen) Politiker vor diesem Internet analysiert. Und Bitte:

Das komplette Interview mit Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de gibt es übrigens hier.

Das komplette Interview mit Geradline de Bastion von Digitale Gesellschaft e.V. gibt es hier zu sehen

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Aug 19 2011

Liveblog-Experiment:
Die Entstehung eines 30-Minüters Tag 5

Zur Erklärung erstmal das hier lesen. Hier geht es zu Tag 1, Tag 2, Tag 3 und Tag 4. Ich blogge live von oben nach unten, weil ich die Marotte, das Neueste oben haben zu wollen hasse. So ist der Einstieg leichter und das Neueste steht ganz unten.

Freitag, 19.8.2011

7:32 In 90 Minuten geht die Abnahme los. Ich bin relativ entspannt, weil ich von dem, was Renate und ich in den letzten 4 Tagen produziert haben, überzeugt bin. Der Film funktioniert, hat unterhaltsame Passagen, der Protagonist hat eine Herausforderung und es gibt sogar einen kleinen roten Faden.

Die Abnahme mit dem Produzenten hat mir zudem Mut gemacht. Er ist in der Regel nicht gerade leicht zu begeistern und sehr kritisch – ein guter Maßstab also. Trotzdem ist die Abnahme mit einem mir noch unbekannten Redakteur immer noch etwas anderes. Ich hatte bislang noch überhaupt keine Berührungspunkte mit ihm, die Vorbesprechung haben wir in Kiel letzten Herbst mit seiner Kollegin gemacht. Keine Ahnung also, was für ein Typ er ist, wie seine Vorstellungen sind etc.

Hier irgendwo sind die Vorgaben drin versteckt... Ich kann sie nur noch nicht finden.

Hier irgendwo sind die Vorgaben drin versteckt... Ich kann sie nur noch nicht finden.

Wenn die Abnahme gut läuft und durch ist, müssen wir noch die Änderungswünsche des Redakteurs umsetzen und die Regularien in den Film einbauen – Titel, Abspann und NDR-Copyright. Ich hoffe, dass wir dann um 18 Uhr durch sind mit allem.

Die nächsten Arbeitsschritte, die ich dann aber nicht mehr bloggen werden, sind die Abnahme des Textes und die Vertonung mit einem professionellen Sprecher. Dann geht der Film in eine Postproduktion-Firma und wird dort auf ein Sendeband ausgespielt, das per Kurier nach Kiel geschickt wird. Ist dann alles fein kann ich endlich eine Rechnung schreiben.

Alles in allem ist das mein bislang längstes Filmprojekt gewesen. Über ein Jahr ist vergangen von der ersten Idee bis zur heutigen Abnahme. An dieser Stelle möchte ich besonders meinen Eltern danken, die Boy Jöns letztes Jahr aufgespürt haben und mich davon überzeugten, dass er ein Portrait wert ist.

Da ich während der Abnahme nicht schreiben kann und will, kommt der nächste Eintrag erst nach gelaufener Abnahme. Und dann hoffentlich mit positivem Feedback. Daumen drücken!

9:32 Es geht los. Nach einer halben Stunde Small-Talk mit Produzent und (sehr sympathischem) Redakteur, etwas Gutenmorgen-Kaffee und einem kleinen Bagel-Frühstück (Hallo! Unser Büro ist schließlich in der Schanze!) wird der Film angeschmissen. Und es läuft…

 

Der Rest des Abnahme-Frühstücks. Traditionelle Maßnahme zur Besänftigung des abnehmenden Redakteurs.

Der Rest des Abnahme-Frühstücks. Traditionelle Maßnahme zur Besänftigung des abnehmenden Redakteurs.

10:00 …sehr gut! Der Redakteur ist zufrieden, findet den Protagonisten stark und die Geschichte gut, schmunzelt über einzelne Szenen und schreibt sich relativ wenig auf. Ich selber schlage einen Tausch von zwei Szenen vor, den er sehr gut findet. Außerdem wünscht er sich an der ein oder anderen Stelle Kürzungen, den O-Ton von Peter-Harry Carstensen soll aus Wahlkampfgründen raus und außerdem möchte er ein bißchen mehr Schmuck sehen. Kein Problem, wird gemacht!

Gemeinsam fangen wir an, die Änderungen vorzunehmen. Produzent Michael verabschiedet sich, als er merkt, dass er nicht zwischen einem störrischem Autor und eine unzufriedenem Kunden vermitteln muss und nach zwei Stunden sind wir durch. Freude auf allen Seiten, Schulterklopfen, Dankeschöns und mir fällt ein Bernstein vom Herzen (Sorry, der musste jetzt sein).

12:49 Renate macht die vorerst letzten Arbeitsschritte: Ton und Texttafeln. Wir müssen etwas rätseln, wie das jetzt bei dem Format gemacht werden muss. Wo kommt der Titel hin? Wie wird die Rubrik “Typisch!” geschrieben? In Kursivbuchstaben? Oder normal? Und wo ist das Logo der Produktionsfirma für den Abspann?

 

Abspann basteln. I like.

Abspann basteln. I like.

Nach einigem Suchen findet sich dann doch noch alles. I LIKE!

13:06 Ich kann gehen. Ich kann gehen? Ich kann gehen. Renate macht den Rest (Ton und Ausspielen als Quicktime-Movie für mich zum Texten) allein fertig. Das Ding ist fast durch. Bißchen komisches Gefühl. Da sitzt man stundenlang, tagelang zusammen. Und auf einmal isses fertig. Das Film.

Fein. Ick freu mir.

Und Danke fürs Lesen. Und Danke an Renate fürs Mich-Aushalten und tolle-Vorschläge-machen und Bloggen-ertragen und überhaupt.

Und nochmal Danke an meine Eltern. Und an die Produktionsfirma. Und den netten Redakteur. Und überhaupt an alle.

Ich geh jetzt meine Tochter von der Kita abholen. Auf bald!

13:11 Hmpf. Zu früh gefreut. Das Schnittprogramm kann die Grafikdatei von dem Produktionsfirmenlogo nicht öffnen. Zum Glück war ich mal Grafiker und weiß, was zu tun ist: Datei wandeln. Grmpf. Kind muss noch 10 Minuten länger warten. Aber es wäre auch zu schön gewesen.

13:34 Nächster Dämpfer. Wir haben die 2:30-Auskopplung fürs Schleswig-Holstein-Magazin vergessen. Und zwar alle. Produzent rief gerade an und erinnerte uns daran. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass man eigentlich einen Auftrag für eine Sache bekommt und dann noch obendrauf ein paar Sachen machen muss, von denen eigentlich nie die Rede war. Meine Laune sinkt gerade rapide.

15:05 Back to business. Renate und ich haben einen groben Schlachtplan gemacht, wie der 2:30er aussehen könnte. Viel passt da nicht rein. Aber es soll die ganze Jubiläumsgeschichte erzählt werden. Eine ganz schöne Umstellung gerade.

Ich fühle mich wie zu meinen Punkt12-Zeiten. Ärmel hochkrempeln und runterrotzen.

15:28 HAHA! Ich kann es noch! Mal eben schnell aus 28:30 einen 2:30er machen verlernt man doch nicht so schnell! Die ganzen Punkt6-Schichten haben sich gelohnt. Danke RTL! Trotzdem..

Ich bin irgendwie müde...

Ich bin irgendwie müde...

16:45 Fertig sind wir immer noch nicht… Auch 2:30 dauern ihre Zeit…

 

Wir sind bestimmt bald fertig... Oder..?

Wir sind bestimmt bald fertig... Oder..?

17:20 Hurra! Die letzte Musik wird unter die letzte Sequenz des Kurzstücks gelegt. Wir werden langsam etwas irre und singen die Musik lauthals mit. “Schnittkoller” nennt der Experte dieses Phänomen. Dagegen hilft nur lautes Schrein mit Hin-und-Her-Rennen bei gleichzeitigem Wedeln mit den Armen. Oder Schokolade. Hier muss doch noch irgendwo…

17:23 FERTIG! FERTIG! FERTIG! AAAAH! (Ich kann es nicht glauben. Ich glaub das erst, wenn ich hier raus bin.)

PS: Die Ausstrahlung ist für den 1.3.2012 vorgesehen. Könnt ihr euch schon mal vormerken…

17:30 GESCHAFFT!!!

GESCHAFFT!

GESCHAFFT!

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Aug 18 2011

Liveblog-Experiment:
Die Entstehung eines 30-Minüters Tag 4

Zur Erklärung erstmal das hier lesen. Hier geht es zu Tag 1, hier zu Tag 2 und hier zu Tag 3. Ich blogge live von oben nach unten, weil ich die Marotte, das Neueste oben haben zu wollen hasse. So ist der Einstieg leichter und das Neueste steht ganz unten.

Donnerstag, 18.8.2011

10:00 Renate ist seit einer Stunde dabei die Teile zusammen zu fügen und fein zu tunen. Und dann müssen wir mal sehen, wie es sich im Gesamten anschaut und dass wir das Ding auf eine vorläufige Länge von 34 Minuten kriegen, damit ich die die gute Laune von Produzent Michael nicht gefährde. Mehr will er nämlich auf keinen Fall sehen. Verständlicherweise.

11:48 Wir haben uns den kompletten Film angesehen und sind zuversichtlich. Läuft ganz gut durch, leider ist der erste Part zu lang und zu langweilig. Der Mittelpart läuft dafür ganz gut.

So, mal wieder alles anders.

Neuer Ablauf. Mal wieder alles anders.

Wir entschließen uns, nochmal an der Struktur zu arbeiten. Szenen fliegen hin und her. Die mit dem Schleifen weiter nach vorne, die mit dem Kettenbasteln weiter nach hinten, das sollte vielleicht besser nach da und jenes nach dort. Dieser O-Ton auf jeden Fall noch kürzer, der ganz raus. Wir arbeiten hochkonzentriert.

 

11:52 F***! Der Klassiker! COMPUTERABSTURZ! :-( (( Wieviel von unseren gerade gemachten Änderungen weg sind wissen wir noch nicht… Und gleich kommt Michael und will was sehen…

11:55 Puh. Scheint alles da zu sein. Aber wir wollen noch schnell eine 20-Sekunden-Strecke basteln, um den Jubiläumstag zusammen zu fassen. Es wird etwas hektisch. Denn die Bilder dazu fehlen irgendwie. Dabei war ich mir so sicher, alles gedreht zu haben…

12:16 So, Michael ist da. Die Jubiläums-Strecke noch nicht. Ich hab ihn nochmal telefonieren geschickt. <ironie> Das macht er eh am liebsten. </ironie>

12:23 So, geht los.

12:46 Er lacht zwischendurch. Und schreibt sich was auf. Bin gespannt.

14:06 So, Abnahme ist durch und kann als “harmonisch” bezeichnet werden. Der Produzent hat viel gelacht und fühlte sich insgesamt wohl gut unterhalten, will den Film aber vom Rhythmus her noch etwas gestrafft haben. Ich bin da seiner Meinung. An der ein oder anderen Stelle holpert es noch oder ist definitiv zu lang(weilig).

Wir haben jetzt eine laaaaange List mit Kleinigkeiten, Frickelkram und Kürzer-Machens. Hier noch Musik und da übertexten. Aber der widmen wir uns erst nach der Mittagspause.

 

Auf diesen Festplatten ist übrigens unser Material. Wehe einer zieht den Stecker!

Auf diesen Festplatten ist übrigens unser Material. Wehe einer zieht den Stecker!

15:48 Während des Mittagessen haben Renate und ich uns über das Livebloggen unterhalten. Sie ist insgesamt mit dem Experiment unzufrieden. Hier in Stichworten ihr Feedback

  • Das Bloggen verändert die Schnittsituation, weil es potentiell immer einen Beobachter gibt. Allein schon die Möglichkeit, dass da jemand anders drauf guckt verändert das Ganze schon.
  • Sie spricht nicht mehr frei, überlegt, was sie äußert und ob dies eventuell im Netz landen könnte
  • Es nervt sie, weil meine Aufmerksamkeit teilweise woanders liegt
  • Sie findet, dass es Bereiche und Prozesse gibt, die einen Reifungsprozess brauchen, bevor sie der Öffentlichkeit präsentiert werden

Ich kann ihre Meinung durchaus nachvollziehen und finde diese Einwände unter anderem sehr wertvoll für die Post-Privacy-Debatte.

15:52 Wir sind jetzt übrigens dabei das Best-of für den Anfang zu basteln. Das Format “Typisch” hat vorne immer ein 30-40 Sekunden Potpourri aus O-Tönen und Stimmungsbildern. Wir finden: Könnte man sich auch schenken, der Film ist so ja schon halb erzählt. Aber gut, wat mutt, dat mutt.

16:08 Oh, ein ARGH!-Moment. Das Schnittprogramm ist uns schon wieder abgeraucht. Die Hälfte unseres Vorspanns ist dahin. Danke, Apple! :-(

16:33 Ist gottseidank nicht soviel weg gewesen. Aber gar nicht so einfach einen guten Vorspann zu bauen. Und gute Musik fehlt auch noch…

17:02 Einigermaßen gute Musik gefunden. “NDR-Gitarre” hat der Produzent dieses Genre genannt. Vorspann ist ganz okay geworden, den lassen wir jetzt so. Schließlich haben wir noch einen ganzen Film zu polieren und viel Zeit ist nicht mehr.

 

Zu der Schokolade und den Reiswaffeln gesellen sich jetzt noch Honigwaffeln dazu.

Zu der Schokolade und den Reiswaffeln gesellen sich jetzt noch Honigwaffeln dazu. Hilft nicht, aber schmeckt.

Also das Prozedere wieder von vorne: Film von Anfang zum Ende durchgehen, O-Töne kürzen, Szenen raffen, Bilder austauschen. Schneiden ist Sisyphos-Arbeit. “Wer schneidet, leidet.” Noch so ne Cutter-Weisheit (aber nicht von Renate).

18:06 Verflucht. Durch die Umstellerei ist der Winter-Teil zwar besser geworden. Aber jetzt haben wir kein Bild, um aus der Oma-Situation zu kommen.

18:41 Wir haben die Oma-Situation erstmal übersprungen. Dafür widmen wir uns dem Rest des Films und setzten die Änderungswünsche vom Produzenten um. Leider wird der Film nicht wirklich kürzer. Statt bei 28:30 landen wir am Ende immer noch bei 32:00. Suboptimal.

18:50 Jetzt werden wir rabiat. Erste Szene gekillt. Bamm! Eine Minute weg. Next!

18:57 Der nächste O-Ton wird amputiert. Beim Kürzen stöhnt er leise. Wir ignorieren das Gejammer. Next!

19:14 Sie sterben wie die Fliegen, die O-Töne und Szenen. Schnittgemetzel. Noch 2 Minuten zuviel. Stirb, Gelaber!

19:26 Wir sind eine Minute über der Sendelänge. Das lassen wir jetzt so. Der Redakteur wird morgen sowieso noch das ein oder andere anders haben wollen, da macht es wenig Sinn jetzt eine Punktlandung hinzulegen. Jetzt nur noch die Musikbetten an der ein oder anderen Stellen korregieren bzw hinzufügen, wo noch Musik hin soll – DANN FERTIG! Vorerst…

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